Karlsruhe-Neureut - Eine Siedlung französischer Glaubensflüchtlinge

Brunnen in Karlsruhe-NeureutDie Geschichte von Welschneureut beginnt im Jahr 1699. Damals nahm Markgraf Friedrich Magnus von Baden-Durlach protestantische Glaubensflüchtlinge auf, die ihre Heimat wegen ihres Glaubens verlassen mussten. Zu ihnen gehörten französische Protestanten, die als Hugenotten bezeichnet werden. Viele waren nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch den französischen König Ludwig XIV. im Jahr 1685 zunächst in die Schweiz geflohen.

Auch die Markgrafschaft Baden-Durlach war von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges und des Pfälzischen Erbfolgekrieges betroffen. Zahlreiche Ortschaften waren geschwächt oder teilweise entvölkert. Die Aufnahme von Glaubensflüchtlingen sollte daher nicht nur Menschen Schutz bieten, sondern auch die Wiederbesiedlung und wirtschaftliche Entwicklung des Landes fördern.

Im Jahr 1699 erhielten die französischen Flüchtlinge die Erlaubnis, sich auf einem verwilderten Gelände im Süden der Gemarkung Neureut niederzulassen. So entstand Welschneureut. Das bisherige Dorf wurde zur Unterscheidung fortan Teutschneureut genannt. Zu den ersten Siedlern gehörten 58 Familien, überwiegend aus den südfranzösischen Landschaften Dauphiné und Languedoc. Weitere Flüchtlinge stammten aus der Guyenne, der Champagne und Burgund. Auch französischsprachige Schweizer gehörten zu den Neuankömmlingen.

Hugenotten oder Waldenser – was ist der Unterschied?

Obwohl Welschneureut lange als Waldenserort galt, handelte es sich bei den Gründern nach den Forschungen des Historikers Wolfgang H. Collum überwiegend um Hugenotten. Beide Gruppen waren protestantisch, hatten aber unterschiedliche historische Wurzeln.

Die Hugenotten waren französische Protestanten reformierten Glaubens. Die Waldenser gehen dagegen auf eine christliche Bewegung des 12. Jahrhunderts zurück, die mit Petrus Valdes aus Lyon verbunden ist. Ihre späteren Gemeinden befanden sich vor allem in den Alpentälern des Piemont im heutigen Nordwesten Italiens und in angrenzenden Gebieten Frankreichs.

Ein besonders aufschlussreicher Beleg stammt aus dem Jahr 1699. Der niederländische Gesandte Pieter Valkenier berichtete Markgraf Friedrich Magnus nach einer Prüfung der Vertreter der Flüchtlinge, dass es sich nicht um Waldenser, sondern um französische Flüchtlinge handele, die aus der Schweiz gekommen seien. Der Brief vom 18. September 1699 ist in der historischen Forschung überliefert.

Trotz dieser Unterscheidung wurden die Flüchtlinge im Privilegienbrief des Markgrafen vom 10. Dezember 1699 als Waldenser bezeichnet. Diese Bezeichnung setzte sich in Welschneureut über lange Zeit durch.

Die Verbindung zur Waldenserkirche

Gedenkstein mit Texttafel in Karlsruhe-NeureutDie entscheidende Verbindung zur Waldensergeschichte entstand durch die kirchliche Entwicklung. Die Welschneureuter Gemeinde war reformiert und erhielt Unterstützung durch reformierte Geistliche aus Basel. Als erster Pfarrer wird Daniel Lautier genannt.

Im Jahr 1703 schloss sich die Gemeinde der Synode der württembergischen Waldensergemeinden an. Damit entstand eine enge kirchliche Verbindung zu den Waldensern, obwohl die Welschneureuter Gründer überwiegend hugenottischer Herkunft waren.

Für die junge Gemeinde war der gemeinsame reformierte Glaube von großer Bedeutung. Die Verbindung zu den Waldensergemeinden prägte die kirchliche Tradition und erklärt, weshalb Welschneureut bis heute als Waldenserort bezeichnet wird.

Zunächst konnten die Flüchtlinge nur ein einfaches, barackenähnliches Gebäude für ihre Gottesdienste errichten. Im Jahr 1720 entstand eine einfache Holzkirche. Aus dieser Geschichte entwickelte sich die Tradition der heutigen Waldenserkirche in Neureut-Süd, die zu den sichtbaren Erinnerungsorten der Glaubensflüchtlinge gehört.

Familiennamen erinnern an die Herkunft

Die Geschichte der ersten Siedler lässt sich auch anhand ihrer Familiennamen nachvollziehen. In den historischen Kolonistenlisten und Kirchenbüchern finden sich beispielsweise Namen wie Aimard, Borel, Desreux, Durand und Giraud. Der Historiker Wolfgang H. Collum hat die frühen Familien in seinem Buch Hugenotten in Baden-Durlach ausführlich dokumentiert.

Nicht bei jeder Familie lässt sich die genaue Herkunft aus einem bestimmten französischen Ort eindeutig nachweisen. Die überlieferten Namen zeigen jedoch, wie die französischen Flüchtlinge ihre sprachlichen und familiären Traditionen in die neue Heimat mitbrachten.

Woher kommt der Name Welschneureut?

Das Wort „welsch“ wurde früher im deutschen Sprachraum als Bezeichnung für Menschen verwendet, die romanische Sprachen sprachen, beispielsweise Französisch oder Italienisch. Es leitet sich von einer alten germanischen Bezeichnung für fremde, romanischsprachige Bevölkerungsgruppen ab. Im Namen Welschneureut verweist „welsch“ auf die französischsprachigen Glaubensflüchtlinge, die sich 1699 hier niederließen. „Neureut“ bezeichnet die neue Siedlung auf dem Gebiet der älteren Gemeinde Reut. Der Name bedeutet somit sinngemäß „die neue Siedlung der französischsprachigen Menschen“. Im Gegensatz dazu stand Teutschneureut, das ältere, deutschsprachige Dorf.

Die politische Entwicklung bis zur Eingemeindung nach Karlsruhe

Welschneureut entwickelte sich über lange Zeit als eigenständige Siedlung neben dem älteren Teutschneureut. Beide Orte bestanden als getrennte Gemeinden, bis die nationalsozialistischen Machthaber sie 1935 zwangsweise vereinigten. Die neue Gemeinde erhielt den Namen Neureut (Baden).

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Neureut weiter und wuchs durch neue Wohngebiete erheblich. In den 1970er-Jahren wurde die Eingemeindung nach Karlsruhe im Zuge der baden-württembergischen Gemeindereform zum politischen Streitpunkt. Bei einer Abstimmung im Jahr 1973 sprachen sich mehr als 96 Prozent der Wähler gegen die Eingemeindung aus.

Der Widerstand blieb jedoch erfolglos. Am 14. Februar 1975 entschied der Staatsgerichtshof, dass die Eingemeindung weiterverfolgt werden musste. Am 10. April 1975 wurde der Eingemeindungsvertrag unterzeichnet. Seitdem gehört Neureut zu Karlsruhe und verfügt über eine eigene Ortsverwaltung und einen Ortschaftsrat.

Ein Ort mit einer besonderen Glaubensgeschichte

Welschneureut zeigt, wie eng sich die Geschichte verschiedener protestantischer Flüchtlingsgruppen miteinander verflochten hat. Die Siedlung wurde 1699 überwiegend von französischen Hugenotten gegründet. Durch ihre kirchliche Verbindung zur württembergischen Waldenserbewegung ab 1703 entwickelte sich zugleich eine besondere Waldensertradition.

Für die Waldensergeschichte in Südwestdeutschland ist Welschneureut deshalb ein interessantes Beispiel: Die Herkunft der ersten Siedler und die spätere kirchliche Zugehörigkeit waren nicht identisch. Dennoch entstand daraus ein gemeinsames historisches Erbe, das bis heute an die Aufnahme von Glaubensflüchtlingen und an die Bedeutung religiöser Freiheit erinnert.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Jürgen Schuhladen-Krämer: „Hugenotten“, Stadtlexikon Karlsruhe.
  • Peter Pretsch: „Waldenserkirche Neureut“, Stadtlexikon Karlsruhe.
  • Wolfgang H. Collum: Hugenotten in Baden-Durlach. Die französischen Protestanten in der Markgrafschaft Baden-Durlach, insbesondere in Friedrichstal und Welschneureut. Verlag Regionalkultur, 1999.
  • Wolfgang H. Collum: „Hugenotten in Baden-Durlach“, Badische Heimat, 1974.
  • Stadtarchiv Karlsruhe: „Neureut“, Stadtlexikon Karlsruhe.